Kunstmaler Carl Hinrichs

Nach Torfstechen, Bergbau und Werftarbeit zur neuen Berufung

Wir setzen unsere Wanderung auf dem Talweg fort und finden an der Gabelung, nach der es zum Krematorium weiter geht, unter einer riesigen Buche das Grab des Kunstmalers Carl Hinrichs. Als Sohn eines Schweriner Fotografen und Musikers wurde er am 26. November 1903 in Nürnberg geboren. Woher das falsche Geburtsjahr auf dem Grabstein stammt, bleibt ungeklärt. Bis zu seinem Tod am 8. November 1990 in Schwerin durchlebte er eine weltgeschichtlich bewegende Zeit, über die in dem Büchlein „Ut mien‘n Malerleben“ nach Tonbandaufzeichnungen und eigenen Erzählungen eindrucksvoll, zum Teil aber auch widersprüchlich berichtet wird.

Wie alle Menschen, die zur Zeit des Wechsels vom 18. Zum 19. Jahrhundert geboren wurden, war Carl Hinrichs Zeitzeuge von vier gesellschaftlich, wie geschichtlich mit krassen Gegensätzen und Entwicklungen behafteten Epochen, in denen er oft arg gebeutelt wurde. Nach dem frühen Tod des Vaters musste Carl Hinrichs, ältestes von fünf Kindern, seine Buchbinderlehre abbrechen, um die Mutter bei der Versorgung der Familie zu unterstützen. Carl ging schließlich zu einem Bruder der Mutter nach Frankfurt am Main und verdiente sich in dessen Produktenhandlung mühsam seinen Lebensunterhalt. Weitere Stationen seines Lebens waren der Bergbau im Kohlenpott, das Torfstechen im Teufelsmoor, Gelegenheitsarbeit in der Landwirtschaft und auf Hamburger Werften. Versuche in Schnellmalerei auf Hamburger Rummelplätzen besserten den kärglichen Verdienst etwas auf. 1930 ließ Carl Hinrichs sich in Schwerin nieder, nachdem er sich kurz zuvor der KPD angeschlossen hatte. Inzwischen verheiratet fand er eine bescheidene Dachwohnung in der Münzstraße. Als Kommissionshändler für Eisen- und Kurzwaren war er mit dem Fahrrad in Schwerin und den umliegenden Dörfern unterwegs und bemühte sich den Lebensunterhalt seiner Familie zu bestreiten. Bei diesen Fahrten über Land erinnerte er sich an seine Versuche auf den Hamburger Jahrmärkten mit Pinsel, Bleistift und Schere. Wieder griff er zum Pinsel und malte die Mecklenburgische Landschaft. Kunstmaler Wilhelm Facklam sorgte dafür, dass die Bilder auch von Schweriner Kunsthändlern angeboten wurden und Ehm Welk vermittelte Hinrichs sogar ein Studium an der Kunstakademie Berlin, wo er bei Heinrich Ehmsen seine Kenntnisse erweitern konnte.
Das zeichnerische Talent von Carl Hinrichs war auch bei der KPD für deren Propaganda gefragt. So entstanden für Veranstaltungen Spruchbänder, Plakate und Flugblätter, für Versammlungslokale Kulissen und Bühnenrequisiten. Auch sonst betätigte er sich in der Agitation. Hinrichs Erfolge in Kunstmalerei und politischer Propaganda ließen die an die Macht drängenden Nationalsozialisten nicht ruhen, ihn des Plagiats zu bezichtigen. Carl Hinrichs wurde in Haft genommen und musste in der Zelle des Justizgebäudes ein Gemälde fertigen, um sein Können in Landschaftsmalerei nachzuweisen. Vor diesem Hintergrund seines Lebens voller Sorgen und Anfechtungen, stimmt es nachdenklich, wenn Carl Hinrichs am Ende des erwähnten Buches mit den Worten zitiert wird: „Noch eens von vörn. Und ock die Leden tieden mit.“
Am Ende eines von sozialen Spannungen und mancherlei Fehleinschätzungen geprägten Lebens zog sich Carl Hinrichs auf sein Anwesen Heidekaten bei Blowatz an der Ostseeküste zurück, um sich dort ungestört nur noch seiner geliebten Landschaftsmalerei zu widmen. Im September 1989 verlieh ihm die Stadt Schwerin, kurz vor seinem Tode, die Ehrenbürgerschaft.

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