Clemens Meyer

Ein Geigenvirtuose mit Hang zur musikgeschichtlichen Forschung und Archivierung

In Richtung auf den Ausgang zur Von-Flotow-Straße hin überqueren wir nun den Lindenweg und treffen im Feld A2423 auf das Grab des Musikwissenschaftlers Clemens Meyer. 60 Jahre eines arbeits- und entbehrungsreichen Lebens lagen hinter ihm, als er sich daran machte, in einer anrührenden Kurzbiographie unter dem Titel „Aus dem Leben eines deutschen Musikers“ über seinen Werdegang zu berichten. Clemens Meyer wurde am 25. Februar 1868 in Oberplanitz im Erzgebirge als Sohn eines Bergmannes geboren. Seine Hinwendung zur Musik verdeutlichte sich schon in jungen Jahren. Bei den kargen finanziellen Verhältnissen einer sechsköpfigen Bergmannsfamilie jener Zeit war aber eine Musikausbildung finanziell unerschwinglich.

Der junge Clemens erhielt daher bei seinem Vater den ersten Violinunterricht. 1882 ergaben sich Mittel für eine ordentliche Musikantenlehre bei den Stadtpfeifern in Zschopau. Der Lebensweg von Clemens Meyer führte ihn nach dem Abschluss einer dreijährigen Lehrzeit über Zwischenstationen in Bochum, Arnswalde, Bad Elster und Bad Ems, um nur einige zu nennen, schließlich 1893 nach Schwerin, wo er als erster Violaspieler an das Hoftheater verpflichtet wurde. Als ausübender Künstler war er danach 40 Jahre lang zunächst in der Hofkapelle, später in der Staatskapelle als Solobratscher tätig. Als Lebensaufgabe schwebte Clemens Meyer jedoch höheres vor. Deshalb gehörte er fast genauso lange auch als Mitglied dem Schweriner Streichquartett an. Zusammen mit Karl Krämer, Artur Meissner und Karl Knochenhauer wirkte er hier in einem Klangkörper mit, dessen Ruf weit über die mecklenburgischen Landesgrenzen hinaus gingen. Für diese Tätigkeit erhielt er 1903 den Titel Kammermusiker. 1926 folgte die Ernennung zum Kammervirtuosen. 
Die umfangreichen Anforderungen aus seinen Schweriner Verpflichtungen hinderten Meyer jedoch nicht, zusätzlich Gastspielverpflichtungen unter anderem bei den Bayreuther Festspielen einzugehen. Als Komponist und bei der Bearbeitung musikalischer Werke blieb er nicht minder erfolgreich. Daneben beschäftigte er sich mit musikgeschichtlichen Forschungen und publizierte so bedeutende Werke wie die Geschichte der Mecklenburg-Schweriner Hofkapelle, Geschichte der Güstrower Hofkapelle und unser Theater. Letzteres entstand aus Anlass des 100-jährigen Jubiläums des Mecklenburgischen Staatstheaters. 
Clemens Meyers größtes Verdienst war zweifellos die Sichtung, Erweiterung und Katalogisierung der ehemaligen großherzoglichen Musikaliensammlung eines Teils der Mecklenburgischen Landesbibliothek. Die hier vorhandenen umfangreichen Musikschätze, bestehend aus etwa 18.000 Einzelexemplaren, wurden von Meyer in sorgfältiger Kleinarbeit musikwissenschaftlich aufbereitet und damit einer überregionalen Forschung erschlossen. Durch Clemens Meyer wurde der Name Schwerin in den Musikbibliotheken des Auslands bekannt. Seinem Wirken im Sinne eines schöpferischen Humanismus ist es zu verdanken, dass bedeutende Musikwerke jüdischer Komponisten wie Mendelssohn, Meyerbeer, Offenbach und anderer nationalsozialistischer Kulturbarbarei nicht ausgeliefert wurden. Diese risikobehaftete Rettungsaktion blieb zu ihrer Zeit in der Öffentlichkeit unbeachtet, wurde dann aber aus Anlass seines 90. Geburtstages nachträglich Gegenstand einer ungewöhnlichen Ehrung. In der Grußbotschaft der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands versteifte sich diese Partei zu nachfolgender Formulierung: Man werde alles tun, um den Aufbau des Sozialismus, der die größte Kulturtat unserer Geschichte ist, fortzusetzen und um jene Kräfte zu entmachten, die heute von Westdeutschland aus erneut Unheil heraufbeschwören wollen. Auch Clemens Meyer musste sich den Zwängen seiner Zeit, in die er hinein geboren wurde, beugen. Aber auch Lobeshymnen von unberufener Seite können wahre Leistungen nicht in Misskredit bringen. Die Verleihung des Professorentitels für musikalisches Schaffen und die Verleihung der Ehrenbürgerwürde der Stadt Schwerin waren wohlverdiente Auszeichnungen, die auch durch solche misslichen Begleiterscheinungen nicht gemindert werden können. 
In den letzten Lebensjahren machten es körperliche Beschwerden Clemens Meyer nicht mehr möglich, die steilen Stufen zum Arbeitsraum der Landesbibliothek im Seitenanbau des Schweriner Doms hinaufzusteigen. Der Ruhestand, in den er in seinem 88. Lebensjahr trat, war wohlverdient, aber sein musikwissenschaftlicher Rat war auch danach immer noch gefragt und in der Goethestraße 35 fanden entsprechende Wünsche stets offene Ohren. Am 4. August 1958 schloss Clemens Meyer für immer die Augen.

 

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