Justizpalast am Demmlerplatz

Vom Haft- zum Erinnerungsort

Im Gerichtsgebäude am Demmlerplatz befand sich seit 1953 der Dienstsitz der Bezirksverwaltung des Ministeriums für Staatssicherheit. Der angegliederte Hafttrakt diente als Untersuchungshaftanstalt der Stasi für den Bezirk Schwerin – eine von insgesamt 17 in der gesamten DDR. Viele Bürger setzten sich dafür ein, die Verbrechen der Stasi einschließlich der Akten aufzuarbeiten. 

Am 27. November und 4. Dezember 1989 zogen im Rahmen der Montagsdemonstrationen Schweriner Bürger zur Bezirksverwaltung der Stasi am Demmlerplatz – eine heikle, provokative Angelegenheit. Eine ihrer Forderungen lautete „Stasi in die Produktion“. Sie implizierte, dass die Stasi-Mitarbeiter keinen nützlichen Beitrag zur Gesellschaft leisteten. Die Stasi sollte als Institution entmachtet und aufgelöst werden. Stattdessen sollten Stasi-Mitarbeiter wie gewöhnliche Bürger arbeiten, also in produktive Bereiche der Wirtschaft versetzt werden – quasi als Bestrafung oder Umerziehung. Die Idee war, die Stasi-Mitarbeiter für die Volkswirtschaft nutzbar zu machen, denn in der DDR gab es oft Arbeitskräftemangel in der Produktion. Die Forderung spiegelte den Wunsch der Bevölkerung wider, das repressive System zu beenden und seine Ressourcen für produktivere Zwecke einzusetzen.

Auch forderten die Demonstranten, das Objekt an die Justiz zu übergeben und einen Untersuchungsausschuss zur Arbeit der Staatssicherheit zu bilden. Am Nachmittag des 5. Dezember 1989 machten Vertreter des Untersuchungsausschusses „Amtsmissbrauch und Korruption“ der Stadt Schwerin und ein Mitarbeiter des Senders Schwerin gemeinsam mit Staatsanwalt Löwenstein zunächst einen Rundgang im Gebäude. In der U-Haftanstalt fanden sie in der dritten Etage geschredderte Akten in Säcken. Daraufhin nahm Staatsanwalt Löwenstein die vorläufige Versiegelung der Zellen vor. Am 6. Dezember besetzten Angehörige der Bürgerbewegung das Gebäude, um die bereits begonnene Vernichtung von Akten zu verhindern. Sie forderten ihre Aufarbeitung. Vor den Türen und Toren des Gebäudes patrouillierten Volkspolizisten. Sie überwachten die Transporte in und aus dem Objekt und kontrollierten die Mitarbeiter der Stasi beim Verlassen des Gebäudes. Heute beherbergt der Komplex ein Dokumentationszentrum, das sich den Opfern der deutschen Diktaturen widmet.

 

Zur Geschichte

Der historische Gerichts- und Gefängniskomplex am Demmlerplatz wurde 1916 errichtet. Seitdem war er die meiste Zeit über Sitz des Justizapparates. Der Demmlerplatz wurde nach dem deutschen Architekten George Adolf Demmler benannt, der viele Gebäude in Schwerin entworfen hat – auch das Schweriner Schloss. Wie kaum ein anderes Gebäude in Mecklenburg-Vorpommern symbolisiert der Gebäudekomplex am Demmlerplatz eindrucksvoll die Brüche und Epochen deutscher Geschichte im 20. Jahrhundert. Er war zur großherzoglichen Zeit Sitz von Amts-, Land- und Schwurgericht. Zum Justizgebäude gehörte seit Anbeginn auch ein angeschlossener Gefängnistrakt. Die Nationalsozialisten richteten hier 1933 Jahre zusätzliche Sondergerichte ein. In dem Gefängnis am Demmlerplatz wurden in dieser Zeit immer mehr und mehr Menschen aus politischen Gründen inhaftiert. Auch ein Erbgesundheitsgericht, das über 500 Zwangssterilisationen anordnete, befand sich hier. 

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der Übergabe der Stadt Schwerin an die Sowjetische Armee wurde das Gerichtsgebäude am Demmlerplatz Sitz des sowjetischen Geheimdienstes und eines sowjetischen Militärtribunals (SMT). Die deutschen Justizbehörden mussten während dieser Zeit in andere Gebäude umziehen.

Ab 1947 arbeitete das zentrale Sowjetische Militärtribunal für ganz Mecklenburg-Vorpommern in Schwerin am Demmlerplatz. Tausende von Menschen wurden hier aus zumeist nichtigen Gründen zu hohen Freiheitsstrafen, Zwangsarbeit und zum Tode verurteilt. Zu den Angeklagten zählte 1948 der bekannte Schriftsteller Walter Kempowski. Ihm wurde wegen „Nichtanzeigen von Agenten ausländischer Geheimdienste“ der Prozess gemacht. Das Urteil lautete 25 Jahre Lagerhaft. Die Verhandlung wurde in russischer Sprache geführt - Kempowski verstand nichts. Erst als er wieder in seiner U-Haftzelle saß, klärte ihn der Wachsoldat über das Strafmaß auf. 

Meist fanden die Prozesse und Urteilsverkündungen im Schwurgerichtssaal des Landgerichts statt. Über seinem Eingang befand sich zu diesem Zeitpunkt noch die Inschrift „Recht muss doch Recht bleiben“ – ein Vers aus dem 94. Psalm der Bibel. Später wurde der Bibelvers, vermutlich unter der Regie des Staatssicherheitsdienstes, den Blicken entzogen und abgedeckt. Nachdem die sowjetischen Militärtribunale ihre Arbeit in der DDR eingestellt hatten, übernahm Anfang der 1950er Jahre das Ministerium für Staatssicherheit das ehemalige Justizgebäude am Demmlerplatz und brachte dort den Dienstsitz des Ministeriums für Staatssicherheit für den DDR-Bezirk Schwerin unter. Der vorhandene Hafttrakt wurde fortan vom Staatssicherheitsdienst bis Ende 1989 als eigene Untersuchungshaftanstalt der Bezirksverwaltung Schwerin betrieben. Vorerst blieben die Haftbedingungen katastrophal, erst in den 60er Jahren verbesserten sie sich allmählich. Willkür, Schikanen und Entwürdigungen prägten den Haftalltag bis zum Ende der DDR. In verdunkelten B 1000 Bussen wurden die Angeklagten herangekarrt. Die 30 bis 35 Einzelzellen waren ebenso abgedunkelt. Die Gefangenen wussten nicht, wo sie sich befanden. Allein diese Vorkehrungen trugen zur Verunsicherung bei. An diese unsäglichen Zeiten erinnert eine Gedächtnistafel vor dem heutigen Gerichtsgebäude.

Seit 1989/90 wird das Gebäude nicht mehr als Haftanstalt genutzt. Zunächst befanden sich dort die Schweriner Außenstelle der Gauck-Behörde und das Justizministerium des Landes M-V. Heute sind Land- und Amtsgericht an ihren ursprünglichen Sitz zurückgekehrt.

Um die Geschichte des Gerichtsgebäudes am Demmlerplatz nicht dem Vergessen preiszugeben, wurde in einem Teil des ehemaligen Hafttraktes das „Dokumentationszentrum des Landes M-V für die Opfer deutscher Diktaturen“ eingerichtet. Es soll als Gedenkstätte, Museum, Bibliothek und Begegnungsstätte genutzt werden und so die Chance bieten, Geschichte hautnah zu erleben.

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Demmlerplatz
1953 Schwerin
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