Good Bye, Lenin, heißt es im Film und hieß es nach der Wende auch für zahlreiche in der DDR errichtete Denkmäler. Aber nicht für das Lenin-Standbild in Schwerin, das anlässlich des 825. Stadtjubiläums enthüllt wurde. Es ist heute das einzige zwischen 1945 und 1990 errichtete Monument dieser Art in Deutschland, das noch an seinem ursprünglichen Standort steht. Dadurch genießt es ein nationales Alleinstellungsmerkmal unter den Kunstwerken des öffentlichen Raumes in Schwerin.
Die Planungen für den dritten Bauabschnitt des Neubaugebietes „Großer Dreesch“ waren bereits in vollem Gange – da wurde Mitte der 1970er-Jahre die Idee für ein Lenin-Denkmal geboren. Nachdem zunächst regionale und nationale Künstler für den Auftrag vorgesehen waren, kam schließlich der Gedanke auf, dass auch ein Bildhauer aus Schwerins Partnerstadt Tallin die Arbeit übernehmen könnte. Vorgeschlagen wurde Jaak Soans. Der Este war in seiner Heimat bereits durch überlebensgroße Darstellungen der Schriftsteller Anton Hansen Tammsaare und Kristjan Jaak Peterson als nonkonformistischer Künstler bekannt und genoss großes Ansehen.
Für das Schweriner Monument sollte nicht nur ein Abbild Lenins geschaffen werden, sondern es sollte auch das „Dekret über den Boden“, eines der Umsturzdekrete der Oktoberrevolution von 1917 gewürdigt werden. Nach persönlicher Inaugenscheinnahme des vorgesehenen Standortes und mehreren Diskussionen mit den örtlichen Entscheidungsträgern, stand der Entwurf 1983 fest. Die endgültige Fertigung des Gipsmodells für den Bronzeguss der 3,20 m hohen Plastik fertigte Soans in den Werkstätten des VEB Denkmalpflege in Schwerin. Diese Arbeiten waren im Frühjahr 1984 beendet. Der Guss erfolgte im Sommer desselben Jahres in Lauchhammer.
Die Aufstellung des Bronzestandbildes stellte die beauftragten Arbeiter allerdings vor Probleme: Es war nämlich kein Fixierungspunkt für ein Halteseil vorhanden. Also musste improvisiert werden. Mit einer Schlinge um Lenins Hals gelang es schließlich, den Koloss auf seinen Sockel zu setzen. Ein Pressefotograf hatte diese düstere Szene eingefangen, das Foto sollte auf politische Anweisung aber nicht veröffentlicht werden, da man eine politische Interpretation des Bildes befürchtete.
Deutlich unterscheidet sich Soaks geschaffenes Denkmal von den bekannten Lenin-Darstellungen in Ost-Berlin und Potsdam – einerseits, weil auf heroische Posen verzichtet wurde. Anderseits weicht auch die impressionistische Formgestaltung deutlich vom Pathos vergleichbarer Werke ab und zeigt zugleich die Spielräume politischer Auftragskunst in den letzten Jahren der DDR.
Nach der Wiedervereinigung stand das erst fünf Jahre alte Lenin-Denkmal zur Debatte. Nach langen Diskussionen zu diesen und anderen politischen Denkmälern in Schwerin empfahl 1993 eine außerparlamentarische Kommission der Stadtvertretung den Erhalt der Plastik – eine Entscheidung, die glücklicherweise auch bei späteren Diskussionen nicht widerrufen wurde. Eine Texttafel, die über den Dargestellten und sein politisches und gesellschaftliches Wirken informiert, wurde 2007 in den Sockel des Denkmals intergiert.
Mittlerweile ist die kulturgeschichtliche Bedeutung des Denkmals auch außerhalb des Stadtgebietes bekannt – stellt die Plastik doch ein herausragendes Beispiel für die im öffentlichen Auftrag entstandene Kunst der DDR dar. Obwohl Lenins Standort seit mehr als 35 Jahren unverändert ist, hat das Werk sich doch gewandelt. Vom einstigen Herrschaftsdenkmal ist es zum Denkzeichen geworden, das einlädt, sich die Vielgestaltigkeit des Erinnerns und Vergessens vor Augen zu führen.