Westlich der Schweriner Altstadt erstreckt sich ein Stadtteil, der wie kaum ein anderer für den Aufbruch in die Moderne steht: die Weststadt. Ein vielfältiges Quartier, das sich über die Jahrzehnte zu einem lebendigen Mix aus Wohn- und Geschäftsgebäuden entwickelt hat. Ihr weithin sichtbares Wahrzeichen ist das Werner-Seelenbinder-Hochhaus, das 1963 als erstes Hochhaus Schwerins fertiggestellt wurde und bis heute die Skyline der Landeshauptstadt prägt.
Die Entstehungsgeschichte des Hochhauses ist eng mit der Entwicklung der Weststadt verbunden. Als eines der ersten Hochhäuser in ganz Mecklenburg-Vorpommern markierte es den Beginn einer neuen architektonischen Ära in der Region. Was heute als markanter Wohnriese erscheint, wurde ursprünglich mit einer ganz praktischen Funktion geplant: Als umbauter Schornstein. Mit dem 30 Meter hohen Inneren des zehnstöckigen Gebäudes wurde einst die benachbarte Sport- und Kongresshalle beheizt. Diese ungewöhnliche Kombination macht das Hochhaus zu einem baulichen Unikat in Mecklenburg-Vorpommern. Besonders auffällig ist auch die kunstvolle Schmiedearbeit an der Südfassade, die mit dem Motiv „Mann, Frau und Sputnik“ den Zeitgeist der frühen 1960er Jahre perfekt einfängt.
2012 nahm die Wohnungsgesellschaft Schwerin eine umfangreiche Modernisierung des denkmalgeschützten Gebäudes vor. Mit einer Investition von 4 Millionen Euro wurde das Hochhaus grundlegend saniert und an moderne Wohnbedürfnisse angepasst. Die ursprünglich 78 Wohnungen wurden auf 68 seniorenfreundliche Einheiten reduziert, ein neuer Aufzug eingebaut und die Haustechnik komplett erneuert. Die Modernisierung umfasste auch die Gestaltung stufenloser, praktischer Bäder und Küchen, die den Alltag der Bewohner spürbar erleichtern.
Ein besonderer Fokus lag bei der Sanierung auf der denkmalgerechten Ausführung aller Arbeiten. Die traditionell gemauerten Außenwände und vorgefertigten Stahlbetonplatten wurden beispielhaft modernisiert, ohne den historischen Charakter des Gebäudes zu verfälschen. Besonders bemerkenswert: 31 Mietparteien konnten während der gesamten Bauphase in ihren Wohnungen bleiben – dank einer geschickten Sanierungsplanung und intensiven Betreuung durch die WGS.
Der Erfolg gibt den Planern Recht: Die gelungene Verbindung von historischer Bausubstanz und zeitgemäßem Wohnkomfort wurde 2013 mit einer besonderen Anerkennung beim Deutschen Bauherrenpreis Modernisierung gewürdigt. Heute präsentiert sich das Werner-Seelenbinder-Hochhaus wieder in seiner originalgetreuen Farbgestaltung und ist mehr denn je ein lebendiges Symbol für die erfolgreiche Entwicklung der Weststadt – von der Nachkriegsmoderne bis in die Gegenwart.
Das Projekt zeigt exemplarisch, wie die WGS als wichtiger Akteur der Stadtentwicklung historisch bedeutsame Bausubstanz bewahrt und gleichzeitig zukunftsfähigen Wohnraum schafft. Mit der Sanierung des Werner-Seelenbinder-Hochhauses ist es gelungen, einen wichtigen Identitätspunkt der Weststadt zu erhalten und für künftige Generationen zu sichern.