Weitere Schauplätze für Versammlungen

Die Friedliche Revolution 1989

Die Friedliche Revolution 1989
Weitere Schauplätze für Versammlungen

Ob Schweriner Dom, Moritz-Wiggers-Straße oder Puschkinstraße: Noch einige Orte in Schwerin waren Sammelplätze für Demonstranten oder Mitglieder des Neuen Forums – oder hatten eine andere Bedeutung in und nach der Wendezeit. Im Schweriner Dom beispielsweise traf man sich regelmäßig zum Friedensgebet. Bereits seit Anfang der 1980er-Jahre flammte der Protest gegen das DDR-Regime immer wieder auf. Mehr und mehr sogenannte Ausreisewillige mischten sich unter die Gemeindemitglieder.

Nie wieder fasste der Dom allerdings mehr Menschen als am 23.Oktober 1989. Rund 40.000 Menschen versammelten sich an diesem Tag zur ersten Montagsdemonstration in Schwerin, zogen durch die Stadt, umringten den Pfaffenteich, trafen sich in Kirchen und schließlich auf dem Alten Garten. Der Dom war so voll, dass er buchstäblich schwitzte. Die Wände und Fenster waren feucht von der Atemluft derer, die in den Dom eingekehrt waren.

Zwischen Paulskirche und Dom, in der Moritz-Wiggers-Straße, befand sich damals die Pass- und Meldestelle der Volkspolizei. Hier wurden Ausreiseanträge eingereicht, Westbesuche und Pässe angemeldet. In den Tagen nach der Grenzöffnung gab es auch den berühmten Stempel in den Personalausweis. Die Warteschlange reichte hunderte Meter weit, fast bis zum Pfaffenteich. 

In der Puschkinstraße, an der Ecke zum Großen Moor, saß die Kreisleitung der SED Schwerin Stadt. Zum Jahresanfang 1990 musste die Parteizentrale einen Teil ihres Hauses räumen. Denn die neuen Parteien und Bürgerbewegungen beanspruchten Platz im „Haus der Demokratie“, wie das Gebäude nun genannt wurde. Jetzt zählten unter anderem das Neue Forum, Demokratie Jetzt!, die SPD und auch die Grüne Liga zu den neuen Mietern. Die SED war übrigens im April 1946 aus der Zwangsvereinigung der KPD (Kommunistische Partei Deutschland) und der SPD hervorgegangen – damals noch in der sowjetischen Besatzungszone, die DDR wurde am 7. Oktober 1949 gegründet. Der regionale Vereinigungsparteitag zwischen KPD und SPD fand im heutigen Kino Capitol statt. 

Die Skulptur „Runder Tisch“ als künstlerisches Sinnbild der Wendezeit

Nach der Maueröffnung galt es, die DDR-Diktatur in eine Demokratie zu überführen. Wichtige Ziele waren freie demokratische Wahlen, die Auflösung der Stasi, eine neue Verfassung sowie Beschlüsse zu Medienrecht, Korruption, Bildungsfragen oder Umweltproblemen. Die Blockparteien der DDR und die Volksvertretungen boten neuen politischen Gruppierungen an, sie mit eigenen Fraktionen in den Bezirkstag bzw. in die Stadtvertretung aufzunehmen. Diese lehnten allerdings ab, da diese Vertretungen nicht demokratisch legitimiert waren. Auf verschiedenen staatlichen Ebenen etablierten sich daher Runde Tische. Die Plätze waren zu gleichen Teilen unter den alten und neuen politischen Gruppierungen und Parteien verteilt. Ziel war es, an den Runden Tischen politische Entscheidungen und Verwaltungshandeln zu kontrollieren. Beispielsweise wurde der Führungsanspruch der SED am 1. Dezember 1989 aus der Verfassung gestrichen. Nach der Volkskammerwahl am 18. März 1990 lösten sich die Runden Tische wieder auf. 

Nur wenige Monate nach den ersten freien Kommunalwahlen in der DDR fand im Sommer 1990 das 2. Bildhauersymposium in Schwerin statt, an dem sich auch der Lübecker Künstler Guillermo Steinbrüggen beteiligte. Seine Skulptur der „Runde Tisch“ entstand in einem Stadium des Übergangs und Neubeginns. Noch bestand die DDR formal, obwohl die Wiedervereinigung im Oktober 1990 schon greifbar war. Wahrscheinlich geht kein anderes Denkmal zur politischen Wende in der Bundesrepublik Deutschland auf solch eine interessante Entstehungsgeschichte zurück. Denkmäler werden zumeist aus einer Position der Rückbesinnung geschaffen, um Gedenken und Erinnerung zu kultivieren. Anders der Runde Tisch. Er ist das Ergebnis aktuellen Geschehens und wurde 1990 zunächst auf dem Schweriner Marktplatz aufgestellt. Im August 1995 fand die Skulptur ihren heutigen Standort an der Kreuzung Puschkinstraße/Großer Moor.

Die Skulptur symbolisiert den Advokaten, der Argumente aufrollt –und auch den Tisch als Ebene der Verständigung. Das ruhende, betrachtende Volk stützt sich auf diese Kommunikationsebene und will sich auf sie verlassen. Der Grenzüberschreitende, eine Art revolutionäre oder brechende Figur, lehnt sich im Zickzack auf. Daneben bremsen ihn die dunklen Mächte und fangen ihn ein. Diese dunklen Mächte bieten Raum für eine freie Assoziation: Sie können zum Beispiel Sicherheitskräfte darstellen, die im Hintergrund agieren. Die opportunistische, dienende Figur im Schatten der größten Figur könnte man als Macht des Kapitals deuten. Auch die Farbgebung enthält eine wichtige künstlerische Aussage. So erstrahlt das Kapital in Geldnoten-Grün und dem Schwarz eleganter Limousinen. Das giftige Gelb soll dem Advokaten eine gewisse Schärfe verleihen. Dem Volk ist ein angenehm wohliges Orange gewidmet, während der Revolutionär in einem angestrengten blutigen Rot leuchtet. Die dunkle Macht wiederum hält sich in gedeckten Farben im Hintergrund, während der Opportunist in schreiendem Gelb daherkommt.

Guillermo Steinbrüggen hatte bereits in seiner spanischen Heimatstadt Vigo die Plastik „O Ferreiro“ – zu deutsch „der Schmied“ geschaffen. Sie steht für die Überwindung der 40-jährigen Diktatur mit Franco, die er als Heranwachsender bis zu seinem 23. Lebensjahr mitbekommen hatte. Guillermo Steinbrüggen sagte: „Die ,Wende‘ in Spanien, also das Ende der Herrschaft von Franco im Jahr 1975, habe ich nicht nur erlebt, sondern mit Kultur aus dem Untergrund mitgestaltet – in Barcelona zum Beispiel mit Wandbildern und Filmen. Die Wende hier in Deutschland war für mich eine weitere Bestätigung, dass man scheinbar festgesetzte Zustände verändern kann.“

 

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